Beten als Lebenshaltung

Martin Luther hat den alten Dreiklang von meditatio (Schriftbetrachtung) oratio (m√ľndliches Gebet) und contemplatio (Stilles Verweilen in der Gegenwart Gottes) umgewandelt in meditatio, oratio und tentatio (Versuchung).

Wer die Schrift meditiert und sich und die Welt liebend vor Gott bringt, stellt sich dem Leben, der „Arbeit der Woche mit ihren Mühen und Sorgen, mit ihrer Herausforderung und ihrer Versuchung“ (Evangelisches Tagzeitenbuch).
Beten und arbeiten gehören eng zu einander. Im Beten ohne Unterlass (1. Thessalonicher 5,17) wird der Alltag durchdrungen von der Haltung des Offenseins für Gottes Gegenwart. Betende Menschen werden ihre Augen vor der Welt nicht verschließen. Ein zeitweiliger Rückzug und die konzentrierte innere Sammlung (contemplatio) steht dazu nicht im Widerspruch.


"In der Stille kann aus dem Reden Hören werden, ..."

Das schweigende Dasein in der Gegenwart des göttlichen Geheimnisses im stillen Verweilen, oft mit Hilfe der Sammlung auf ein Gebetswort, das im Rhythmus des Atems im Inneren bewegt wird (Herzensgebet oder Jesusgebet, wenn dabei der Name Jesu im Zentrum des Betens steht) macht offen für das, was in der Stille drinnen und dann auch draußen begegnen will. In der Stille kann aus dem Reden Hören werden, eine Erfahrung des Beschenktwerdens. Das immerwährende Herzensgebet, im möglichst unaufhörlichen Fließenlassen des Gebetswortes im Rhythmus des Atems, wird nicht nur in den orthodoxen Kirchen geübt. Gerhard Tersteegen, ein evangelischer Zeuge dieses Betens formuliert:
„Ich wählte vormals Ort und Zeit
Zum Beten und zur Einsamkeit,
Nun bet’ ich stets im stillen Sinn,
Nun bin ich einsam, wo ich bin.“


"... hineinstellen in diese Welt..."

Für das persönliche, wie für das gottesdienstliche Gebet werden Körperhaltungen, Gesten, Gebärden oder der liturgische Tanz neu entdeckt. Auf Pilgerwegen wird erfahren, wie „Beten mit den Füßen“ eine neue Sensibilität schafft für den eigenen Leib als Tempel des Heiligen Geistes und für die Gegenwart Gottes in seiner Schöpfung. Evangelische Christen praktizieren wieder das Kreuzeszeichen (siehe Luthers Morgen – und Abendsegen), mit dessen Hilfe sie sich gründen auf der Erde, aufrichten zum Himmel, sich nach beiden Seiten hineinstellen in diese Welt und zur Mitte finden.

Von Wolfgang Max,
Leiter der Fachstelle "Geistliches Leben"

Literatur:
- Evangelisches Gesangbuch
- Evangelisches Tagzeitenbuch, herausgegeben von der Evangelischen Michaelsbruderschaft, Münsterschwarzach und Göttingen 4. Auflage 1998
- Kallistos Ware, Emmanuel Jungklausen; Hinführung zum Herzensgebet, Freiburg, Basel, Wien 1982
- Peter Zimmerling, Evangelische Spiritualität, Göttingen 2003

 
Beten kann man lernen

Die Bibel stellt uns Gott als einen lebendigen, persönlichen Gott vor. Er sucht die Verbindung mit den Menschen. Im Gebet erlaubt er uns, sich ihm zu öffnen, mit ihm zu reden. Dabei sieht er „in unser Herz“. Er weiß, was hinter den Worten steht. Deshalb können wir mit ihm reden, wie es uns ums Herz ist.

Gebetsportal

Die Seite www.wie-kann-ich-beten.de wird von der Evangelischen Radio- und Fernsehkirche im NDR (ERR), dem Katholischen Rundfunkreferat im NDR (KRR) und der Evangelisch-lutherischen Landeskirche Hannover (EVLKA) betrieben.

Die großen Gebetsgebärden

„Körper und Seele sind eine Einheit. Darum muss der Christ ganzheitlich beten lernen.“ Ein Beitrag zu ganzheitlichem Beten ist die so genannte Große Gebetsgebärde. Hier finden Sie Gedanken und Anregungen zu den großen Gebetsgebärden.